Nur eine kleine Primel…

Auch wenn die Garage voll ist und Taschen leer – man schaut sich gern Autoanzeigen an. Ein Vorkriegsoldtimer ist schließlich noch der ultimative Traum – und durch zaghafte Andeutungen kann man immer mal wieder die Leidensfähigkeit und Toleranz der Chefin daheim ausloten. Leider sind die meisten bezahlbaren Fahrzeuge ohnehin eher schwächlich motorisiert und an Bentley & Co mag man gar nicht erst denken, ohne die Seele zu verkaufen oder zumindest eine Hypothek aufs Häuschen zu nehmen. Doch dann erschien eines Tages ein primelgelber Armstrong Siddeley 20/25 Touring Saloon von 1936 in den Annoncen…

Der 20/25 wurde ab Juni 1936 in zwei verschiedenen Chassislängen und mit verschiedenen Karosserien geliefert. Bis 1939 (dann als 25HP) verließen insgesamt 447 kurze Chassis das Werk in Coventry, von denen heute weniger als 30 erhalten sind. Auf dem kurzen Chassis wurden die meisten Fahrzeuge als „Touring Saloon“ geliefert; daneben gab es ab Werk noch den sportlicheren Atalanta Saloon sowie den „Town & Country Saloon“ mit und ohne Trennwand. Hinzu kamen noch die Karosserien von externen Firmen wie Maltby oder Tickford.

Angetrieben wurde der 20/25 durch einen neu konstruierten 3.6-Liter 6-Zylinder-Motor mit immerhin 83PS. Die Kraftübertragung erfolgte durch ein Wilson Vorwahlgetriebe (Preselect) mit vier Gängen. Mit einem Preis von 575 Pfund befand sich der 20/25 Touring Saloon schon im automobilen Oberhaus – man hätte dafür auch vier Austin 7 bekommen. Die siebensitzige Limousine überschritt gar die 700 Pfund-Marke. Als Farben gab es für den 20/25 die Wahl zwischen blau, grün, blau und schwarz…

…oder als Sonderwunsch auch ein freundliches primelgelb („primrose yellow“), wie das angebotene Fahrzeug laut Werksdokumenten schon bei Auslieferung 1936 in der Londoner Bond Street lackiert war. Der Erstbesitzer, ein schottischer Adliger, muss reichlich extrovertiert gewesen sein… Doch zurück in die Gegenwart: Nach einem kurzen Flug von Köln/Bonn nach Birmingham (als einziger Nicht-Brite an Bord, wie mir schien…) erreichte ich Edmund, den aktuellen Besitzer des 20/25, in Wales. Der erste Weg führte natürlich in die Garage, wo der „kleine“ 20/25 neben einem 3-rädrigen Reliant geduldig wartete.

Das Fahrzeug war zuvor knapp 30 Jahre im Besitz eines weiteren schottischen Adligen gewesen und im Armstrong Siddeley Owners Club als sehr original bekannt. Die eingehende Inspektion zeigte dementsprechend natürlich auch diverse Macken der Jahre, die ich persönlich aber als sehr sympathisch empfinde… ich bin nach wie vor kein Fan steriler Q-Tipp-Totrestaurierungen und blitzsauberen „Trailer Queens“. Natürlich gibt es einige Baustellen, die behutsam zu beheben sind und ich höre schon die Kommentare der Tot(al)restaurierungsfreaks…

Der Motor schnurrte dafür wie ein Kätzchen – oder wie ein Tiger, wenn man das Gaspedal betätigte. So blieb noch etwas Zeit, die zahlreichen liebevollen Details am Auto zu betrachten… nicht nur das mehrfach wiederkehrende Sphinx-Motiv, sondern auch Kleinigkeiten wie wunderschön geformte Fensterkurbeln und Türriegel sowie ein kleines Ölkännchen im Motorraum.

 

Auf zur Probefahrt! Nachdem es den ganzen Tag geregnet hatte, klarte es genau rechtzeitig auf. Was für ein Motorgeräusch, was für ein Drehmoment… das exakt schaltende Vorwahlgetriebe war eine Freude und der schwere 20/25 zog selbst an Steigungen noch bequem im 4. Gang durch. Wow… Walisische Alleen und Dörfer spiegelten sich in den verchromten Lampentöpfen, eine perfekte Szenerie für einen Impulskauf…

Nichtsdestotrotz gönnte ich mir noch einen Tag Bedenkzeit, um die zahlreichen Bilder und Gedanken zu sichten und sortieren. Ein gemeinsames Frühstück am nächsten Tag mit Peter vom Armstrong Siddeley Owners Club half mir letztendlich bei der Entscheidung. Meine bessere Hälfte daheim hatte zuvor schon jeglichen Widerstand aufgegeben und fragte am Telefon nur noch „und wie willst Du die kleine Primel heimbringen“?.

Bevor der Embraer Jet der FlyBE mich wieder zurück von Birmingham nach Köln/Bonn brachte, hatten wir uns auf einen für beide Seiten fairen Preis geeinigt und den Handel beschlossen. Ein Vorkriegsauto weniger, das riskieren muss, für einen Umbau zum Special seine originale Karosserie zu opfern und ein neues spannendes Oldtimerkapitel für uns…

Bildergalerie (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken)

9 Gedanken zu „Nur eine kleine Primel…

  1. AnneStrecke

    Ah! Endlich wieder Leben im Blog.

    Ein guter Kauf, dieser Salon-auf-Tour! Und ein Auto mit Chrakter, schwarz kann schließlich jeder. Auf den Fotos sieht er aber eher elfenbeinfarben als knackig primelgelb aus. Aber vielleicht gab es diese schreiend gelben Neuzeit-Primeln in der Vorkriegszeit auch noch gar nicht.

    Ejal! Well done, Sir!

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  2. Tom (Admin) Beitragsautor

    Danke Anne… bin auch noch ganz hin und weg. Allein der Auspuff böllert im Leerlauf wie ein großvolumiger Ami-Motor… oder wie ein Krabbenkutter, je nachdem, was man hören will 😉
    Leider hat der Werkstattmeister derzeit den Schlüssel, so dass heute Lady GoDiVa anstelle der kleinen Primel auf spätsommerliche Tour an die Mosel ging…

    Das Gelb sieht in der Realität übrigens ungefähr so aus wie hier: http://www.art-paints.com/Paints/Watercolor/Derwent/Primrose-Yellow/Primrose-Yellow.html , vielleicht etwas ausgebleichter durch die vielen Jahre, plus abhängig von Licht, Kamera, Fotogeschick und Photoshop.
    Freue mich schon, Lady Primrose bald standesgemäß auszuführen…. nur eben Eifel statt Highlands.

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  3. Tom

    Glückwunsch zu der Primel, sieht gut aus, gerade in dem primelgelb. Was Zustand, Trailer Queens und tot(al)restaurieren angeht, sind wir einer Meinung…aber die heimliche Heldin der Geschichte ist Deine bessere Hälfte, daher viele Grüße an die beste Oldtimer-Beifahrerin der Welt. Hoffentlich werde ich jetzt nicht gesteinigt, wenn ich „Riley Elf“ sage 😉

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  4. Tom (Admin) Beitragsautor

    Du könntest auch „Austin A35“ oder „Morris Minor“ sagen (letzteren hatten wir als Mietwagen… gefühlt erheblich flotter als der Käfer!) 😉

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  5. Gary

    Thomas,
    …and now (as expected) I wish to know more about the car…all the details for a new Siddeley file in my shelves.
    The BIG question is: will we see the 20/25 or the 346 at next year’s AS Tour? (or both!!)
    all for now
    Gary
    Bad Homburg

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  6. Dieter Steinmeyer

    Hallo Thomas,
    auch von uns herzliche Glückwünsche zum neuen Alten. Sicherlich ein zuverlässiges, ehrliches Auto mit wunderschöner Patina.
    Allzeit gute Fahrt für Euch von
    Dieter und Christa

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  7. Matthias Hubbert

    Hallo Thomas,
    Glückwunsch auch von uns…
    Tolles Fahrzeug und Interessante Geschichte!
    Hoffentlich habt Ihr viel Spaß mit dem Auto.

    Gruß
    Matthias und Nicole

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  8. Tom (Admin) Beitragsautor

    Danke Euch allen… so langsam wird die alte Lady auch wieder fit fürs Frühjahr. Freue mich schon, Euch auf der diesjährigen Siddeley-Tour wiederzusehen!
    Thomas

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