Katzenjammer…

Der Titel hätte auch lauten können „Wir kaufen nix…“ Als glückliche Fahrer eines Ro80 und Riley RMA kam irgendwann in der Familie der Wunsch nach einem klassischen Fahrzeug auf, das die Vorzüge beider Oldtimer kombiniert: Es sollte wie der Ro80 im heutigen Alltagsverkehr mitschwimmen und auch für die eine oder andere Autobahnetappe halbwegs flott motorisiert sein. Daneben sollte es aber auch den altmodischen Charme eines Riley besitzen…

Für mich als bekennenden Limousinenfan war natürlich ein edler Viertürer das Maß aller Dinge. Die „üblichen Verdächtigen“ in diesem Segment waren mir jedoch zu profan oder zu teuer – oder beides.

Eine alte Jugendliebe flammte hingegen wieder auf: seit ich als Teenager ein altes Automobillexikon aus den 60er Jahren gelesen hatte, war ich fasziniert von der eleganten Form der Lancia Flaminia Berlina. Sophia Loren auf Rädern! Freundlicherweise bewegt die Dame sich preislich erheblich unterhalb ihrer Coupe-, Superleggera- oder gar Zagato-Schwestern. Mit einem V6-Motor und, je nach Baujahr, 102 bis 129PS ausgestattet, ist die Berlina zwar keine Rakete, aber dennoch ansprechend motorisiert. Details wie das Transaxle-Getriebe oder 4 Heckscheibenwischer (aussen und innen!) belegen, dass bei Lancia damals noch die Ingenieure und nicht die Kaufleute das Sagen hatten.

Im Laufe der Zeit kamen überraschend viele Flaminia Berlinas – angesichts nur rund 4000 von 1957 bis 1970 gebauter Fahrzeuge – auf den Oldtimermarkt. Angebote gab es natürlich in Italien, aber auch in der Schweiz und den Niederlanden. Dank sachkundiger Unterstützung durch erfahrene Lancisti ließ sich recht gut die Spreu vom Weizen trennen. Dennoch konnten wir „unser“ Auto nicht finden. Nicht gerade erleichtert wurde die Entscheidung letztlich auch durch die recht problematische Ersatzteilversorgung, denn Lancia setzte seinerzeit nicht gerade auf eine Gleichteilstrategie. Ersatzteilhändler auf Knien anzubetteln, dass man irgendwelche Teile (in Gold aufgewogen versteht sich) kaufen darf? Keine allzu verlockende Vorstellung… Letzten Endes blieb die Flaminia ein Traumauto.

Doch andere Mütter haben auch schöne Töchter, vor allem für anglophile Automobilliebhaber. Oberhalb der wunderschönen, aber gefühlt im Dutzend auftretenden Mk 2-Serie angesiedelt bot Jaguar von 1951 bis 1961 den Mk VII – IX an. „Grace, Pace and Space“ war der Werbespruch – Anmut, Geschwindigkeit und Platz. Von 1961 bis 1970 folgte der deutlich modernere Mk X/420G. Der größte Jaguar, der je gebaut wurde – mit einem generösem  Innenraum, gefühlt so groß wie Norwegen.

Im Vergleich zu den kleineren Geschwistern Mk 2 & co sind die großen Raubkatzen hoffnungslos unterbewertet. Dies, obwohl sie den bewährten XK-Motor mit doppelter obenliegender Nockenwelle in sich tragen. Dieser wurde Ende der 40er Jahre ursprünglich für die Limousine entwickelt, kam aber zunächst im XK120 zum Einsatz. Angefangen mit 3,5 Liter Hubraum und 160 bhp wurde der Motor über die Jahre weiterentwickelt und bot im Jaguar 420G 265bhp aus 4.2 Litern. Diese Leistung reichte immerhin aus, um das schwere Gefährt auf beinahe 200 km/h zu beschleunigen. Erst 1992 wurde diese richtungweisende Maschine abgelöst.

Mit der Zeit hatten wir einige große Jaguare der Baureihen Mk VII – 420G im In- und Ausland besichtigt. Nach langer Anreise stellte sich jedoch oft Ernüchterung ein, denn die Autos entsprachen häufig nicht den teils blumigen Beschreibungen: „Rostfreie“ Fahrzeuge hatten Löcher. „Uneingeschränkt fahrbereite“ Jaguar konnten nicht probegefahren werden. Im wahrsten Sinne des Wortes die Katze im Sack.
Bei Absagen nach ein paar Tagen Bedenkzeit legte manch deutscher Verkäufer die Maske des „Gentleman drivers“ ab und überzog uns per Email mit Schmähungen. Einer sah sich gar genötigt, als Untermauerung seines gesellschaftlichen Status ebenso wutentbrannt wie penetrant auf seine Promotion in Medizin hinzuweisen sowie auf seine Kontakte zu irgendwelchen mir unbekannten Adligen. Ein Katzenjammer. Beauitiful cars, but wasted on the wrong people…

Glücklicherweise sind nicht alle Jaguarbesitzer derart bornierte Proleten… es gab schließlich doch noch einige brauchbare Großkatzen zu sehen, angeboten von erheblich sympathischeren und vertrauenserweckenderen Verkäufern. Doch da war bereits eine andere, exklusivere Marke in unseren Fokus gerückt…

Bildergalerie (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken)

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