(K)ein Königreich für einen Riley…

Es ist ein sonniger Samstag im Juni. Pünktlich um 13 Uhr landen wir auf dem Flughafen London-Heathrow, wo bereits Roger, ein kundiger Experte des britischen Riley RM-Clubs, auf mich wartet. Seit einiger Zeit bin ich schon auf der Suche nach einem Riley RM und hatte bereits einige Fahrzeuge in Deutschland und Belgien besichtigt. Für heute stehen nun drei weitere im Großraum London auf dem Programm…

Die Riley RM-Serie (RM = Riley Motors) wurde von 1945 bis 1955 in ungefähr 23,000 Exemplaren gebaut und war in zwei Motorisierungen – 1 1/2 und 2 1/2 Liter – lieferbar. Da das Konzept der sportlichen, viertürigen Limousine (1 1/2 Liter RMA/RME, 2 1/2 Liter RMB/RMF) bereits vor Kriegsbeginn fertig war, konnte man 1945 direkt die Produktion aufnehmen. Drei Jahre später gesellten sich noch ein Roadster (RMC) sowie ein 4-sitziges Drophead Coupe (RMD) dazu, die ausschließlich mit dem 2 1/2 Liter „big four“ Motor angeboten wurden.

Nahe der Einflugschneise erwartete uns Mike, der langjährige Besitzer des 1947er Riley mit dem Kennzeichen GDV 734. Er hatte mir bereits ein paar Fotos des Riley in der Farbkombination Kastanienbraun-Elfenbein zugeschickt und es war eigentlich Liebe auf den ersten Blick. Rogers unbestechlicher Blick sollte an diesem Tag dafür sorgen, daß Liebe nicht blind macht…

GDV 734 war ursprünglich an einen Hoteldirektor in Salcombe/Devon geliefert worden, verbrachte ab Ende der 60er Jahre etliche Jahre in einer Scheune und wurde Anfang der 80er Jahre in einer Garage von Grund auf restauriert. Seitdem war die alte Dame (Autos sind in England immer  weiblich) beim aktuellen Besitzer. Nach 22 Jahren hatte er sie nun schweren Herzens aus gesundheitlichen Gründen zum Verkauf angeboten. Als Zugabe gab er ihr den Namen „Lady GoDiVa“ mit auf dem Weg. Reminiszenz an die ehemalige Riley-Produktionsstätte in Coventry und das Kennzeichen.

Nun stand besagte Lady vor uns. 

Als Objekt der Begierde vor mir und, ihrem Namen treu, quasi nackt vor Rogers fach- und sachkundigem Blick. Ohne “matching numbers”, also für einen Sammler eher uninteressant. Die ursprünglisch schwarze Farbe war einer zeitgenössischen Zweifarblackierung mit kastanienbraun bezogenem Dach gewichen, die nach über 20 Jahren auch schon Spuren der Zeit aufwies. Dafür zeigte die Dame eine recht gesunde Knochen-, Verzeihung, Karosseriestruktur und war technisch sehr rüstig. Unzählige Rechnungen der vergangenen 20 Jahre belegten auch die gewissenhafte Wartung durch einen bekannten Riley-Spezialisten. Ein gut sortiertes Ersatzteillager war auch noch im Paket enthalten.

Das originale Interieur strömte den Duft alten Leders aus, sogar ein HMV-Röhrenradio von 1947 war vorhanden. Nach eingehender Besichtigung lud Mike uns zu einer ausgedehnten Probefahrt durch die Londoner Vororte ein. Die „Liebe auf den ersten Blick“ schien sich zu bestätigen, doch wie schrieb schon der große, weise Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“? „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen nicht doch was besseres findet.“ Schließlich warteten noch zwei andere Rileys auf uns…

Die beiden anderen Besichtigungen verliefen schneller als die erste. Ein Riley war ganz passabel, beim anderen raunte mir Roger schon während der Besichtigung zu: „this is not your car…“, bevor wir uns auf die Weiterreise machten. Abends an der Hotelbar stellten wir fest, dass Roger’s Expertenmeinung weitgehend mit meinen Eindrücken übereinstimmte. Er mahnte aber noch, dass GDV 734 nicht die richtige Wahl sei, falls ich in Wahrheit einen Q-Tipp-gepflegten Riley mit “matching numbers” suchte. Abermals kam mir  Schiller in den Sinn: „Der Wahn ist kurz, die Reu‘ ist lang“, als Roger sich bald darauf auf den Heimweg gemacht hatte.

Am nächsten Tag gönnte ich mir vor dem Heimflug noch einen ausgedehnten Spaziergang durch das sommerliche London. Die Straßen waren für eine Parade festlich geflaggt und riefen mir förmlich zu, dass ich nicht ohne ein britisches Auto heimkehren solle. „Vergiss den Flug mit labberigen Sandwiches und geschmacklosem Tomatensaft, genieße lieber das legendäre ‚Magnificient Motoring‘, das nur ein Riley bieten kann. Hier, jetzt und gleich!“

Nein… so leicht lässt sich ein Vernunft- und Zahlenmensch ja nicht von seinem Bauchgefühl beeindrucken…schließlich will ja alles nochmals genauestens durchdacht werden, und es gibt ja noch viele andere Rileys. Und eigentlich braucht man ja gar kein so altes Auto im heutigen Straßenverkehr.

Am nächsten Tag las ich den Text meiner Email an Mike nochmals durch. Die Nachricht war relativ kurz: „We’ve got a deal!“. Ich drückte den „Send“-Knopf. Was verstand dieser Schiller schon von alten Autos…

Bildergalerie (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken)

 

3 Gedanken zu „(K)ein Königreich für einen Riley…

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