Kor-RO-ssion…

O rühret, rühret nicht daran! Diese Zeile des Lyrikers Emanuel Geibel hätte ich wohl lieber beherzigen sollen. Doch ich war jung, dumm und unerfahren – und der Ro hatte ein paar Schönheitsfehler, die ich beseitigen wollte. Es begann mit ein paar Rostpickeln an den vorderen Kotflügeln. Diese erwiesen sich zunächst als harmlos: unter der roten Pest kam gesundes, blankes Blech zum Vorschein – also keine Durchrostung. Allerdings waren bei der genauen Durchsicht ein paar andere unschöne Dinge aufgefallen. Zartbesaitete Geister seien gewarnt…

Die Schwellerspitzen schrien förmlich nach Zuwendung. Komisch, bei jedem Mercedes hatte ich bei der Besichtigung diese Bereiche genauestens inspiziert, doch beim Ro hatte der frische Unterbodenschutz so schön satt und matt in der Abendsonne geschimmert. Geradezu ein Garant der Solidität.

Nun könnte man ja ein bißchen Spachtel und Glasfasermatte und… nein, aus dem Alter sind wir raus. Also runter mit den Kotflügeln. Die Kollegen vom Ro80-Club rieten mir, den Kotflügel an der Lötstelle zur Frontschürze abzutrennen – nur die war da nicht? Mir schwante übles. Später fanden wir ihre Fragmente übrigens unter einem Konstrukt von Spachtel und Blechplättchen…Immerhin sah die Schwellerspitze, obschon gammelig, nicht so übel aus wie befürchtet. Auch der relativ gute Zustand der Innenkotflügel und Stehwände stimmte versöhnlich.

Doch leider war der Ro nicht von sogenannten „Reparaturen“ verschont geblieben. Abenteuerliche Punktschweißungen verunzierten Teile der unteren Karosserie. Im vorderen Radhaus war eine Stelle, die ab Werk schon als Blechdoppelung im Spritzwasserbereich eine Rostfalle darstellt, schlicht verdreifacht worden. Mit entsprechend knusprigem Ergebnis. Fraglich ist nur warum, denn eine sachgemäße Instandsetzung wäre auch nicht wesentlich aufwendiger geworden. Also raus mit dem Kram…

Das Chassis des Ro80 war angeblich von Brückenbauingenieuren entwickelt worden – und damit unglaublich stabil. Es soll schon Fahrzeuge mit komplett durchgefaulten Schwellern gegeben haben, die dennoch einwandfrei fuhren. Den Test, ein Rad auf den Bordstein zu stellen und die Türen zu öffen, sollen diese Autos auch spielend bestanden haben. Ein Blick in die aufgeschnittenen hinteren Schweller unseres Ro zeigte aber dennoch, dass die Neckarsulmer Brückenbauer hier dringend Hife brauchten. Der Zahn der Zeit hatte hier deutlich seine kariöse Seite gezeigt.

Wie heißt es so schön? „Die Geister, die ich rief...“ Es gab kein Zurück mehr. Es musste blank gezogen werden! (Für die Bild-Zeitungsleser: ich spreche vom Auto). Stundenlanges Vergnügen mit Flex und Drahtbürste. Zum Abschluss noch einen guten Schluck Rostumwandler für porentiefe Reinheit. Der Ro zeigte sich in nacktem Blech, wie das Walzwerk ihn schuf. Die rostigen und spachteligen Überreste früherer zeitwertgerechter Reparaturversuche lagen krümelig auf dem Boden. Ohne den Pfusch wäre die Arbeit leichter gewesen. Doch ich hatte nun die Grenzen meiner handwerklichen Fähigkeiten erreicht.

Der Ro wurde also provisorisch zusammengestöpselt und per Trailer zu einer fähigen Reparaturwerkstatt gebracht. Für meine Bereitschaft, auf auftragsschwache Lücken zu warten, hatte der Meister einen attraktiven Preis angeboten (falls das Finanzamt mitliest: selbstverständlich mit Rechnung und ordentlch versteuert). Doch irgendwie schien die Werkstatt in der glücklichen Lage zu sein, nie eine Auftragsflaute zu erleben. So dauerte es über ein Jahr, bis der erlösende Anruf kam: „Sie können Ihr Auto abholen!

Um einige Erfahrungen reicher und etliche Euro-Geldeinheiten ärmer saß ich wieder hinter dem Steuer. Da war es wieder, dieses turbinenhafte Motorgeräusch…und das Fahrgefühl war, um einige Kilo Spachtel, Rost und Reparaturbleche erleichtert, gar noch besser als zuvor. Schon bald ging es wieder auf Tour mit dem neuen Ro, diesmal in die Niederlande nach Rotterdam. Rostiger Staub und Stunden mit der Flex waren vergessen. Die nächsten 40 Jahre können kommen…

Bildergalerie (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken)

Ein Gedanke zu „Kor-RO-ssion…

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