Wankel-mutig…

Ein Mercedes /8 sollte es sein. Beinahe 10 Jahre ist es nun her, dass wir endlich den Schritt von der Oldtimer-Theorie in die Praxis wagen wollten. Ein Mercedes sollte es werden…das Beste oder nichts! Ein Ponton vielleicht? Oder eine Heckflosse? Letztlich stellte sich der Mercedes /8, gebaut von 1968 bis 1976, als idealer Einsteigeroldie dar. Kaufberatungen wurden gelesen, Anzeigen studiert. Erste Serie, Sechszylinder, Limousine oder Coupé, top! Aber Moment, auf dem Titelbild hier links ist doch gar kein Mercedes?…

Stimmt…landauf, landab hatten wir uns diverse /8 angeschaut. In allen Zuständen. Mit allen möglichen Zustandsbeschreibungen der jeweiligen Verkäufer. Zugespachtelte Wasserabläufe beim /8 Coupé? „Dat war in dem Baujahr so…“. Phantasievoll geformte Radläufe und rundlich modellierte Schwellerspitzen beim „Zustand 2+“-Auto? „Naja, is halt kein Neuwagen„. Zwischendurch war ich beinahe Besitzer eines 250CE geworden, doch letztlich wollte der (Zünd-)Funke nicht überspringen. „Das Beste oder nichts“ sah eher nach nichts aus…

Und da geschah es. Auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit huschte er an mir vorbei. Mit turbinenartigem Motorgeräusch und einer Silhouette, die aussah, als wäre sie erst gestern von Meisterhand geformt worden. Einem Gewächshaus, nein, einer Kathedrale gleich bogen sich die großen Fensterflächen über die keilförmig ansteigende Karosserielinie. Ich starrte sprachlos dem hohen Bürzel hinterher… ein NSU Ro80! Ja, der mit dem Wankelmotor, der ja angeblich immer kaputt ging. Gibt es die denn noch? Und kann man denn so einen Wagen heute tatsächlich noch fahren?

Man kann tatsächlich… mit etwas Recherche stellte ich fest, dass es einen sehr aktiven Club gibt, der sich engagiert um den Erhalt der verbliebenen Ro80 kümmert. Die Mitglieder sind teilweise noch Erstbesitzer ihres Fahrzeugs, doch es gibt auch zunehmend eine jüngere Generation,die sich für den Wagen begeistert. Der Ro war von Anbeginn ein Fahrzeug für Individualisten. Manche Fahrer sind auch heute noch (mindestens) ebenso exzentrisch wie die Antriebswelle in ihrem Kreiskolbenaggregat, aber das macht die Sache nur interessanter. Innerhalb kürzester Zeit bekam ich jedenfalls Berge von Informationsmaterial…

Der Ro80 wurde zeitgleich mit dem Mercedes /8 im Jahre 1967 präsentiert, doch welch unterschiedlicher Auftritt. Prompt wurde er zum Auto des Jahres gekürt und wirkte, ebenso wie 12 Jahre zuvor die Citroen DS, wie aus einer anderen Zeit. Revolutionär war damals nicht nur der Wankelmotor mit seinen zwei in Trochoiden rotierenden Scheiben und 115PS. Auch das keilförmige Design aus der Feder von Claus Luthe setzte neue Maßstäbe. Bis 1977 wurden 38,000 Ro80 gebaut. Anfängliche Motorprobleme waren zu diesem Zeitpunkt längst behoben, doch noch heute halten sich hartnäckig die Schauergeschichten. Die freilich bevorzugt von jenen am lautesten erzählt werden, die noch nie einen Ro gefahren haben – so wie die Story mit dem Ro80-Gruß, bei dem die Fahrer sich gegenseitig mit den Fingern die Anzahl ihrer Austauschmotoren zeigen. Witzigkeit kennt keine Grenzen

Die Legende sagt übrigens, dass Claus Luthe dem Ro80 ursprünglich auch ein schwungvolles Armaturenbrett mit auf den Weg geben wollte. Die NSU-Werksleitung war angesichts der anderen Neuerungen in diesem Punkt jedoch etwas mutlos, so dass der wütende Designer mit wenigen Strichen ein simples, rechteckiges Armaturenbrett zu Papier brachte und die Herren fragte, ob es so genehm sei. Es war – so dass der Ro bis zum Schluß mit einem im Vergleich zur Karosserieform eher unspektakulären Interieur geliefert wurde.

Plötzlich ging alles ganz schnell. Ein Händler hatte einen Ro80 aus dem Jahre 1970 inseriert, in der schon damals eher konservativen Außenfarbe padmagrün und mit cognac-farbenem Skai-Interieur. Der Wagen stammte aus erster Hand und war gerade aus einem Winterschlaf von 29 Jahren erweckt worden. Ja, man soll immer einen neutralen Experten zur Besichtigung mitnehmen. Ja, man soll stets nochmals eine Nacht über den Kauf schlafen. Nein, all dies hatten wir nicht….dafür ein Kurzzeitkennzeichen in der Tasche. Wir fuhren hin, Probe und mit dem Ro nach Hause.

TÜV war frisch gemacht, so dass der Zulassung nichts im Wege stand. Auf Normalkennzeichen, ganz ohne „H“ – schließlich wurde bei Wankelfahrzeugen in den vergangenen 40+ Jahren freundlicherweise vergessen, den KFZ-Steuersatz an die Inflation anzupassen. Sind einfach zu wenige… Die Steuerersparnis wird aber ganz locker durch den Spritdurst ausgeglichen.

Auf den kommenden Touren begeisterte der Ro80 mit seiner Laufruhe und dem auch ohne Luftfederung sänftenartigem Fahrwerk. Das Betörende – und zugleich Verstörende – an einem Ro ist, dass er trotz seines Alters so gar nicht wie ein Oldtimer aussehen mag und sich auch nicht so fährt. Ein unglaublich mutiger Wurf der schwäbischen Kleinwagen- und Zweiradschmiede NSU zu Zeiten, als andere Autos noch mit Heckflossen gebaut wurden. Die immerhin die Wiege des langjährigen Audi-Slogans „Vorsprung durch Technik“ war. Mit Recht.

Die Saison verging wie im Fluge und viel zu schnell wurde es Zeit für den Ro, sein Winterquartier aufzusuchen. Nicht jedoch, ohne vorher ein paar kleine vermeintliche Schönheitsreparaturen durchzuführen – doch das ist wieder eine ganz andere Geschichte

P.S.: Was den Ro80-Gruß angeht: Zwei Finger im Falle unseres Autos. Er erhielt 1973 einen Austauschmotor vom Werk. Die Garantiekarte liegt noch im Handschuhfach, gleich neben dem Sparkassenkalender von 1975…

Bildergalerie (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken)

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